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Palliativ Forum München: Sterben in der Fremde

Die Teilnehmer des 2. Dr. Werner-Jackstädt Expertenworkshops "Off-Label-Use in der Palliativmedizin"

Begleitung von Migrantinnen und Migranten - Podiumsgespräch
am 19.03.2019 im Bellevue di Monaco

16.04.2019 - Der Hintergrund
München ist mit über 1,5 Millionen die 3. größte Stadt Deutschlands. Mit 27,6 % hat München deutschlandweit einen der höchsten Ausländeranteile. Weitere 15,5 % der Münchner Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Unter Personen mit Migrationshintergrund versteht man Menschen, die selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren worden sind.

 

 

Zu diesen Personengruppen gehören:

  • zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer
  • zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte
  • (Spät-) Aussiedler
  • mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Nachkommen von einer der drei zuvor genannten Gruppen
  • Personen, die die deutsche Staatsangehörigkeit durch Adoption erhalten haben.

Nimmt man diese Definition als Grundlage, so verwundert es nicht, dass in München fast die Hälfte, nämlich 43 %, als Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund gelten und häufig ihre Wurzeln in anderen Kulturen oder Religionen haben. In München leben Menschen aus 180 Nationen. Sie arbeiten und studieren hier, bekommen Kinder, werden alt, vielleicht auch schwer krank und sterben hier. In München sind im Jahr 2017 ca. 1300 Menschen mit Migrationshintergrund verstorben. Ca. 80 % starben zuhause bei ihren Familien, 15 % in Krankenhäusern oder Palliativstationen.

Wie die letzte Lebensphase gestaltet werden kann, welche Bedürfnisse Sterbende aufgrund von kulturellen und religiösen Prägungen haben, darüber herrscht in Facheinrichtungen große Unsicherheit und häufig auch Verständnislosigkeit.

 

Aus diesem Grund beschäftigt sich der zweite Abend des Palliativ Forum München im Bellevue di Monaco mit dem Thema „Sterben in der Fremde“.

 

DSCF4884Der Ort

Das Bellevue di Monaco ist einer der Orte in München, die für eine offene, tolerante Stadtgesellschaft stehen. Seit Mitte 2016 ist das Bellevue di Monaco ein genossenschaftlich organisierter Ort der Begegnung, davor war in den Räumen unter anderem Deutschlands einzige Fahrradwaschstraße untergebracht.
In dem umgebauten Eckhaus in der Müllerstraße befinden sich ein Café, Räume für Sprachkurse und Hausaufgabenbetreuung, Zimmer für Geflüchtete und Veranstaltungsräume für Vorträge, Konzerte, Chorproben und vieles mehr. Für uns ist das Bellevue di Monaco der ideale Ort, um über das Thema „Sterben in der Fremde“ zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen.

 

Das Podium

Yasemin Günay, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Palliativfachkraft und Mitarbeiterin des Hospizdienstes DaSein e.V.
Firouz Bohnhoff, Gesundheits- und Krankenpflegerin, Mitarbeiterin im Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, MiMi-Mediatorin. Seit 2014 Projektleitung des Dolmetscherservice im Bayerisches Zentrum für Transkulturelle Medizin e.V.
Nigora Mirzoeva, Mitarbeiterin beim MiMi-Projekt München, Standortkoordinatorin, Mitarbeiterin des Bayerisches Zentrum für Transkulturelle Medizin e.V.
Dr. Martin Rühlemann, Historiker und Altenpfleger, Stabsstelle Interkulturelle Öffnung, MÜNCHENSTIFT GmbH

Moderiert wird die Veranstaltung von Hermann Reigber, Leiter der Christophorus Akademie und Heike Beck, stellvertretende Geschäftsführerin des Hospizdienstes DaSein e.V.

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Die Themen
Sprache | Communities | Kulturelle Unterschiede | Was ist Sterbenden wichtig? | Potenziert sich das Gefühl fremd zu sein am Lebensende? | Wünsche | Resümee

 

Brauchen Menschen mit Migrationshintergrund eine andere Form der Hospiz- und Palliativversorgung? Was brauchen Menschen überhaupt?

 

Das Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit, Hinwendung, Aufgehoben sein in der Familie, diese Bedürfnisse haben alle Menschen in schwierigen Lebensphasen. Bei der Frage aber, in welcher Form diese Bedürfnisse ausgelebt werden, sind die Unterschiede sehr groß.
Für die Hospiz- und Palliativarbeit stellt es deshalb eine Herausforderung dar, diese Unterschiede zu erkennen und Möglichkeiten zu suchen, Menschen mit Migrationshintergrund optimal zu versorgen. Wichtig ist es, Formen der Sterbebegleitung zu entwickeln, die es auch für Menschen mit Migrationshintergrund und deren Angehörige möglich macht, sich im Sterben gut aufgehoben und gut versorgt zu fühlen.
Ziel muss es immer sein, einen individuellen Zugang zu finden und flexibel auf die Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen, aber auch auf die Angehörigen zu reagieren.

 

Sprache
Bis vor einigen Jahren wurden Angehörige eingesetzt, um zwischen Arzt oder Pflegenden und Patienten zu dolmetschen. Besonders dann, wenn Kinder diese Dolmetscher-Funktion übernehmen sollten, kam es immer wieder zu Missverständnissen und Schwierigkeiten. Die Themen „Krankheit und Tod“ sind in vielen Kulturen tabuisiert. Gerade deshalb ist es wichtig, Angehörige, die durch die Krankheit emotional stark belastet sind, nicht zusätzlich damit zu beschweren, mit diesen tabuisierten Themen umzugehen.
Mit Unterstützung der Landeshauptstadt München wurde vor 20 Jahren der Gemeindedolmetscher-Service gegründet, um die Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und Migranten zu verbessern. Dolmetscher sind in diesem sehr sensiblen Umfeld nicht nur Sprach-, sondern auch Kulturvermittler. Ihre Aufgabe ist es, der jeweils anderen Seite kulturelle, religiöse, rechtliche und institutionelle Hintergründe zu erklären, um so die Versorgung und das Verständnis für Behandlungsmethoden zu verbessern.
Auch heute noch werden die Kosten für den Dolmetscher-Dienst von Krankenkassen nicht übernommen. In Krankenhäusern ist kein Budget dafür vorgesehen, sodass der Gemeindedolmetscher-Service in erster Linie in sozialen Einrichtungen, weniger im Hospiz- und Palliativ-Umfeld tätig ist.

 

Communities
Der Zugang zu Menschen aus anderen Kulturkreisen erfolgt meist über die Communities, in denen Migrantinnen und Migranten organisiert sind. Ein Verein, in dem in München über 70 Mitgliedervereine und Communities mit mehr als 40 verschiedenen Sprachen organisiert sind, ist der Morgen e.V. .
Über diesen Dachverein lässt sich der Kontakt zu den einzelnen Communities herstellen, was wiederum die Möglichkeit eröffnet, Migrantinnen und Migranten direkt über das Deutsche Gesundheitswesen und die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung zu informieren. In den Communities können Ehrenamtliche akquiriert werden, die bei der Hospizversorgung mitwirken. Noch ist es die Regel, dass Informationen aktiv zu Migrantinnen und Migranten gebracht werden müssen. Ziel ist es, das Wissen über die Hospiz- und Palliativversorgung in den Communities zu verankern, damit der Informationsprozess nicht immer wieder neu angestoßen werden muss.

 

Kulturelle Unterschiede
Hospiz- und Palliativversorgung wird hauptsächlich in westlichen Gesellschaften angeboten. In arabischen, afrikanischen und asiatischen Ländern werden schwerkranke und sterbende Menschen hauptsächlich innerhalb der Familien versorgt. Während bei uns das Individuum im Mittelpunkt steht, sind diese Gesellschaften eher kollektivistisch organisiert. Das bedeutet in der Pflege und Versorgung, dass die Familie in sehr viel stärkerem Maße mit eingebunden werden muss.
In Ländern ohne ein gesellschaftlich verankertes Bewusstsein für Hospiz- und Palliativarbeit wird eine optimale Versorgung von Schwerkranken mit einer medizinischen Versorgung im Krankenhaus gleichgesetzt. Eine nicht mehr kurative Behandlung wird als minderwertige Versorgung verstanden. Wichtig ist an dieser Stelle, Patientinnen und Angehörigen Wissen um den Sterbeprozess zu vermitteln, andererseits aber auch zu akzeptieren, wenn dennoch der Weg der kurativen medizinischen Versorgung gewählt wird. Transkulturelle Teams können mit dazu beitragen, diese kulturellen Unterschiede zu verstehen und zu überbrücken.

 

Potenziert sich das "sich Fremd fühlen" in einer Gesellschaft und das sich Entfremden durch eine Krankheit?

Nicht jeder mit Migrationshintergrund muss sich in Deutschland automatisch fremd fühlen. Besonders MigrantInnen der 2. und 3. Generation betrachten Deutschland zumeist als ihre Heimat.
Menschen im Sterbeprozess sind häufig stark in der Vergangenheit verwurzelt. Die deutsche Sprache, die nicht die Muttersprache ist, gerät schnell in Vergessenheit. Auch dadurch kann das Gefühl, nicht geborgen, sondern fremd zu sein, in dieser Phase stärker werden. Gerade deshalb sind AnsprechpartnerInnen in der Muttersprache sehr wichtig. Dinge wie Essen, Gerüche, Musik können das Gefühl der Entfremdung mildern.

Der MünchenStift hat MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund in Palliative Care schulen lassen, um die BewohnerInnen muttersprachlich betreuen zu können.

 

Was ist den Sterbenden besonders wichtig?
In der letzten Lebensphase entwickeln viele Menschen das Bedürfnis nach spiritueller Unterstützung, sei es von Priestern, Rabbinern oder Imamen. Menschen, die hier seit längerer Zeit leben, sind zumeist in Gemeinden eingebunden. Aufgabe der Pflegenden ist es, Seelsorger der jeweiligen Glaubensrichtung einzubeziehen, wenn dies der Wunsch der Schwerkranken oder Sterbenden ist.
Schwieriger wird es bei Menschen, die in Deutschland nicht beheimatet sind, sondern sich zur medizinischen Versorgung in Deutschland aufhalten. Hier können Communities weiterhelfen und ggf. einen Seelsorger der Glaubensrichtung vermitteln.
Migranten und Migrantinnen der 1. Generation haben in vielen Fällen den Wunsch, in ihrem Ursprungsland beerdigt zu werden. Bei Menschen mit Migrationshintergrund der 2. oder 3. Generation könnte sich das ändern.
Wichtig ist vielen Sterbenden, dass sie sicher sein können, ihrem Glauben entsprechend beerdigt zu werden. In München gibt es nicht nur Friedhöfe, die spezielle Bereiche für Moslems oder Juden eingerichtet haben, sondern auch Bestattungsunternehmer, die sich darauf spezialisiert haben.

 

Wünsche und Forderungen

  •  Kostenübernahme der Krankenkassen bei Dolmetscher-Dienstleistungen
  •  mehr transkulturell aufgestellte Teams
  •  Fachstellen, die den Austausch zwischen Einrichtungen und Communities koordinieren

 

Resümee
Hospiz- und Palliativarbeit ist Beziehungsarbeit. Transkulturelles Verständnis, Sprachmittler und intensive Aufklärungsarbeit in den Communities kann es Schwerkranken und Sterbenden leichter machen, die letzte Lebensphase zu gestalten.

 

Adressen:

Morgen e.V. http://www.morgen-muenchen.de
DaSein e.V. https://www.hospiz-da-sein.de
MiMi e.V. https://www.bayzent.de/mimi-projekt/
MünchenStift, Stabsstelle Vielfalt https://www.muenchenstift.de
Bayerisches Zentrum für Transkulturelle Medizin https://www.bayzent.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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