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Palliativ Forum München: Musik, die (mich) tröstet

 

Musikalisches Gespräch
am 04.12.2019 in der Klinikkirche der LMU, Standort Großhadern

 

16.12.2019 - Das Verstummen des Lebens und die Hoffnung auf ein Danach lassen eine eigene Melodie entstehen. Zum Abschluss der Reihe Palliativ Forum München steht Musik, die tröstet - die uns tröstet, uns erfüllt und verbindet - im Mittelpunkt.

 

 

Der Ort

 

Das Großklinikum liegt am südwestlichen Stadtrand von München. 1999 fusionierten die Innenstadtkliniken und Großhadern, sodass der Klinikkomplex heute mit ca. 10.000 Mitarbeitenden, über 2000 Betten und 45 Kliniken, Abteilungen und Instituten das zweitgrößte Krankenhaus der Maximalversorgung in Deutschland ist.
Die Kirche am Ende der langen Besucherstraße versteht sich als Ort der Sammlung für Menschen mit und ohne Religion. Nach den vielen unterschiedlichen Veranstaltungsorten, die wir im Laufe des Jahres im Rahmen des Palliativ Forums besucht haben, ist die Kirche in direkter Nachbarschaft zur Christophorus Akademie ein guter Platz, um wieder daheim anzukommen und das Jahr abzuschließen.

 

 

 

DSCF3607c Margit RothDie Vortragenden

 

Dr. med. Beatrix Gerhard, Ärztliche Leiterin des Palliativteams München West

 

Ludwig Götz, Künstlerischer Leiter der Musica Sacra Konzertreihe und seit vier Jahrzehnten Kirchenmusiker in St. Elisabeth, Planegg

 

Sepp Raischl, Fachlicher Leiter und stellvertretender Geschäftsführer des Christophorus Hospizvereins München e. V.

 

Prof. Dr. med. Claudia Bausewein, Direktorin der Klinik für Palliativmedizin an der LMU-München

 

 

 

Einführung und Moderation: Hermann Reigber, Leiter der Christophorus Akademie

 

 

 

Einführung: Hermann Reigber

 

Zum Abschluss der Forums-Reihe steht Musik, die tröstet, die uns tröstet im Mittelpunkt. Dabei geht es nicht so sehr um Musik in der Sterbebegleitung, sondern um Musik, die Trost spenden kann, uns als (professionellen) Care Giver. Musik ist etwas, was wir nicht machen, sondern vorfinden. Musik begegnet uns in gewisser Weise schon vor unserer Geburt. Die Herztöne der Mutter, die Verdauungsgeräusche. Wenn Musiker es schaffen, auf die Ebene des Herzschlags oder auch der Verdauungsgeräusche zu kommen (In Giuseppe Verdis Oper Falstaff hört man Verdauungsgeräusche, Pupsen, Gurgeln), dann ist Musik gut. Dann ist sie stabilisierend, weil sie unsere vegetative, kaum manipulierbare Wirklichkeit darstellt.
Musik ist gut, wenn sie Geschichten erzählt. Die Vortragenden des heutigen Abends werden ihre Geschichten erzählen. Sie werden uns einen Einblick geben, welche Musik sie als tröstend und tragend empfinden und welche Erfahrungen sie mit Musik in der Palliativ- und Hospizarbeit gemacht haben.

 

 

 

Dr. Beatrix Gerhard – Wie das Projekt „Musik, die (mich) tröstet“ entstand

 

Dass Ludwig Götz und ich hier zusammenstehen, geht auf das Jahr 2006 zurück, auf den Tod meines Vaters. Das Sterben meines Vaters in den Armen meiner Mutter war für mich ein Schlüsselerlebnis, das mich auf den Weg zur Palliativmedizin geführt hat. Bei den Vorbereitungen auf das Requiem für meinen Vater habe ich mit Ludwig Götz, dem Kirchenmusiker, intensiv überlegt, welche Musikstücke bei der Beisetzung gespielt werden sollen. Mein Vater hat Zeit seines Lebens in der Musik Freude, Trost und Hoffnung gefunden. Deshalb wollte ich ihn mit der für ihn passenden Musik ins Grab begleitet wissen. Aus diesem intensiven Kontakt ergab sich mein Mitwirken im Chor von Ludwig Götz. Heute, fast 15 Jahre später, weiß ich, dass der Tod meines Vaters einen für mich neuen Weg eröffnet hat. Er hat mir die Verbindung zwischen Palliativmedizin und Musik aufgezeigt. Musik zu hören und im Chor zu singen hilft mir, Ausgleich zu finden und Kraft zu tanken. Für viele Kolleg*innen in der Palliativmedizin ist Musik ein wichtiger Bestandteil im Leben. Beide Leidenschaften – Arbeiten im palliativen Umfeld und die Musik scheinen aus einer gemeinsamen Seele genährt zu werden oder sich gegenseitig zu befruchten. Es ist längst Zeit, die Verflechtung von Palliativ- und Hospizarbeit und Musik zum Thema zu machen.

 

Vortrag von Ludwig Götz über „Musik die (mich) tröstet“ (gekürzte Fassung)

 

Sterben, Tod und die Begleitung von Sterbenden ist Teil unseres Menschseins und es geht uns alle an. Ich möchte Ihnen einige Werke zu Gehör bringen, die das Thema „Sterben und Tod“ am besten zum Ausdruck bringen. Dabei soll nicht der „Stachel des Todes“ im Vordergrund sein, sondern die Tröstung des Menschen, der sich in das Unvermeidliche fügen muss.

 

In meinen Musikbeispielen kommt der Tod nicht dramatisch und laut daher, vielmehr nimmt die Musik den Sterbenden sanft und leise an die Hand! Fast alle von mir ausgesuchten Stücke sind in einer Dur-Tonart, obwohl immer noch die laienhafte Meinung gilt: Dur klingt fröhlich, Moll traurig. Was alle diese Musikstücke über die Dur-Tonart hinaus verbindet, sind der gleichbleibende Rhythmus, die ruhigen Achtelbewegungen und die Lautstärke im Piano. Musik kann man nicht erklären, man muss sie erleben. Ich habe Ihnen deshalb einige Musikstücke mitgebracht.

 

 

 

Wolfgang Amadeus Mozart, Klarinetten-Konzert in A, KV 622: Adagio
Bei einem Kurs zur Einübung von Entspannungstechniken wurde einmal der langsame Satz des Klarinettenkonzerts von Mozart gespielt. Während einige Teilnehmer*innen in angenehme Entspannung verfielen, andere sogar einschliefen, haben mich die wenigen Harmoniewechsel und die liebliche Melodieführung nach kurzer Zeit in solch große Spannung versetzt, dass mein Puls rasant anstieg. Das intensive Hören des Klarinettenkonzerts gibt mir eine innere Ruhe und Kraft. Die Entspannungsübung musste ich dennoch abbrechen, weil ich dieses Konzert nicht nebenbei hören kann, sondern die Musik im konzentrierten Hören auf mich wirken lassen muss.

 

 

 

Schubert, Quintett für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli C-Dur D 956, II Adagio
Ähnlich verhält es sich beim Adagio in Schuberts Streichquintett, seinem letzten Werk. Schubert schrieb es zwei Monate vor seinem Tod. Schwebende Akkorde, gepaart mit liegenden Tönen. Es passiert nichts und doch so viel.

 

 

 

Johann Sebastian Bach, Air, Suite Nr. 3 in D-Dur, BWV 1068
Im Original ist es der zweite Satz der Orchestersuite in D-Dur. Im ersten Satz erklingen festliche Trompeten und Pauken. Im zweiten Satz, im Air, sind nur Streicher zu hören. Über ruhige Achtelbewegungen im Bass erblüht eine zauberhafte Melodie.

 

 

 

Johannes Brahms, Ein Deutsches Requiem, Op. 45, V: Ihr habt nun Traurigkeit
Im Vordergrund des fünften Satzes steht nicht die Trauer, sondern die Tröstung, welche gleich zu Beginn mit dem Ausschnitt aus der Bergpredigt „Selig sind die, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ vermittelt wird. Trost ist das Schlüsselwort, das sich durch das ganze Werk hindurch zieht, so als wollte Brahms die Trauernden regelrecht an die Hand nehmen. Anders als bei Mozart oder Verdi stehen nicht die Toten, sondern die Hinterbliebenen im Mittelpunkt.
Die unterlegten Bibeltexte bestätigen dies eindringlich: „Ihr habt nun Traurigkeit; ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen“ (Johannes Evangelium, Kap. 16, Vers 22), „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Buch Jesaia, Buch 66, Vers 13)

 

 

 

Johann Sebastian Bach, Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“, BWV 147
Den Choral aus dieser Kantate habe ich in unzähligen Requiems gespielt. Die immer gleichbleibende Achtelbewegung verleiht dem Stück unglaubliche Ruhe. In seinem Text kommt dem Wort Trost eine zentrale Rolle zu.

 

 

 

DSCF3519c Margit RothJesus bleibet meine Freude
Meines Herzens Trost und Saft
Jesus wehret allem Leide,
er ist meines Lebens Kraft.

 

Meiner Augen Lust und Wonne,
darum lass ich Jesum nicht
aus dem Herzen und Gesicht.
(BWV 147)

 

 

 

Wolfgang Amadeus Mozart, Messe in c-moll, KV 427, Et incarnatus est
Das „et incarnatus est“ ist für mich das Herzstück dieser Messe. Das Stück ist im Siciliano-Rhythmus notiert. Darunter versteht man einen pastoralen 6/8-Takt – Viertel, Achtel, Viertel, Achtel. Der Sopran erstrahlt über den Streichern und bildet mit Flöte, Oboe und Fagott ein Quartett. Ich glaube nicht, dass die Menschwerdung Jesu jemals einfühlsamer und derart zu Herzen gehend vertont wurde.

 

 

 

Robert Schumann, Op. 39, Liederkreis nach Joseph von Eichendorff, 5. Mondnacht
In dem von Schumann vertonten Gedicht von Joseph von Eichendorff zeigt dieser in eindringlicher, bildhafter Sprache die Tiefe der menschlichen Existenz. Der Mensch, eingebettet in die Natur, ist hier in erster Linie Seele, die überwältigt von Todessehnsucht groß und leicht wird, als kehrte sie zu ihrem Ursprung zurück

 

 

Chor - Mond (Tonaufnahme MP3 ca. 4 MB) >>

 

 

Es war, als hätt‘ der Himmel
die Erde still geküsst.
Dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

 

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus;
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus

 

 

 

Keinesfalls möchte ich den Tod romantisch verklären oder verharmlosen. Er ist und bleibt die größte Herausforderung für jeden von uns. Die Musik kann uns den Schrecken vor ihm nicht nehmen. Aber sie kann uns Hoffnung machen, für manchen von uns sogar Zeugnis geben; Zeugnis von etwas Unnennbarem, das unser Menschsein übersteigt.

 

 

 

Sepp Raischl – neue Lieder finden

 

Musik ist nicht nur etwas Tröstliches, sie erfüllt und verbindet. Musik ist eine Sprache, die über alle Völker hinweg verstanden wird. Mein Fokus liegt aber nicht auf dem Musikhören, sondern auf dem Singen. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, was man überhaupt mit Trauernden singen kann. Was wirklich passend ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele traditionellen Lieder religiöse Texte zum Inhalt haben, die heutzutage einfach nicht mehr passend sind. Diese Erfahrung hat mich genötigt, selbst Lieder zu schreiben, um sie mit den Trauernden singen zu können. Singen bringt uns in Bewegung, bekannte Melodien trösten uns. Das gemeinsame Singen ist etwas, das uns zu einer Einheit werden lässt, das uns verbindet und weniger allein sein lässt. Ich erlebe oft Trauernde, die durch ihren Schmerz regelrecht verstummt sind. Wird bei Trauerfeiern gesungen, können sich manche einbringen und zumindest ein wenig „mittönen“. Es ist ihnen anzusehen, dass sie dadurch wieder ein wenig lebendiger werden. Für Trauernde ist es wichtig, dass die Lieder und Texte, die sie singen, als authentisch empfunden werden. Ich selbst habe mich sehr viel mit religiöser Spiritualität beschäftigt, insbesondere mit Klara und Franz von Assisi. Nach ihrem Vorbild habe ich viele Mantren, also Wiederholungs-Lieder komponiert und erlebe, dass es etwas sehr lebensstärkendes und -erhaltendes ist, solche Lieder immer und immer wieder zu wiederholen. Buddhisten gehen übrigens davon aus, dass man ein Lied 106 Mal gesungen haben muss, um es wirklich verinnerlicht und verdaut zu haben.

 

Wenn auch nicht 106 Mal, so lassen Sie uns dieses Verbindende spüren und gemeinsam singen.

 

Doch die Liebe ist unsterblich – und der Tod nur ein Horizont

 

 

Sepp Raischl - Gesänge (Tonaufnahme MP3 ca. 6 MB) >>

 

Der nächste Kanon kommt aus Findhorn, einer spirituellen Gemeinschaft in Schottland.

 

Tief in die Erde, wie ein Baum,
hoch in den Himmel wie ein Baum,
geht mein Weg, geht mein Weg.

 

 

Mitschnitt (Tonaufnahme MP3 ca. 120 MB) >>

 

 

 

Prof. Dr. Claudia Bausewein – Seasons in the sun

 

Ich habe ein Lied mitgebracht, dass Terry Jacks in den 70iger Jahren veröffentlicht hat. Mit diesem Lied verbinde ich ein Erlebnis, das für mich sehr viel mit Hospizarbeit zu tun hat. Am Anfang meines Studiums hatte ich im Krankenhaus Bogenhausen zum ersten Mal Kontakt mit Schwerkranken und Sterbenden. Ich habe mich gerne um Schwerkranke gekümmert und gleichzeitig auch die Defizite in der Medizin wahrgenommen. Auf der Station lagen Menschen mit schweren Brandverletzungen. Für mich war es sowohl physisch als auch psychisch eine sehr belastende Situation. Menschen, die eigentlich körperlich gesund waren, wurden von einem auf den anderen Moment aus dem Leben gerissen. Mich um diese Menschen zu kümmern, hat mich sehr bewegt. Beim Heimfahren nach so einem Dienst lief im Radio das Lied „Seasons in the sun“. Dieses Lied handelt davon, dass ein junger Mann sterben wird und sich verabschiedet – von seinem Freund, seiner Liebsten, von seinem Vater.

 

 

 

We had joy, we had fun, we had seasons in the sun …

 

It’s hard to die, when all the birds are singing in the sky
Now that the spring is in the air
Little children everywhere
When you see them I'll be there.

 

 

 

Dieses Abschiednehmen ist ein Thema, das uns in der Hospiz- und Palliativversorgung immer wieder begegnet. Das Lied ist für mich nicht nur ein Lied des Abschieds, es ist auch eine Aufforderung, das Leben zu gestalten. Palliativ- und Hospizarbeit heißt für mich, Menschen in dieser letzten Lebensphase zu unterstützen. An der Lebenssituation selbst können wir ganz oft sehr wenig ändern, aber wir können hoffentlich etwas daran ändern, wie die Menschen die Situation erleben und wie sie ihr Lebensende gestalten.

 

 

 

Hermann Reigber: Musik von Elena Margolina und Boris Hait

 

Boris Hait ist ein Palliativ-Mediziner aus Unna in Westfalen und unterrichtet immer wieder in der Christophorus Akademie. Seine Frau, Elena Margolina, ist Pianistin. Elena hat ihren Mann davon überzeugt, mit ihr eine CD aufzunehmen. Die beiden haben den Zyklus „Die Jahreszeiten“, op. 37 von Pjotr Tschaikowski aufgenommen. Elena spielt und Boris liest die 12 russischen Monatsgedichte. Wir hören die Vignette zum November.

 

 

 

No 11. Novembre. Troïka.
Auf der Troika
Schau den Weg niemals an mit Trauer,
Lauf der Troika niemals hinterdrein.
Und bezwinge im Herzen auf Dauer
Deine traurige Unrast allein.
N. Nekrasov

 

 

 

Die vorgestellten Stücke sind in einer Playlist auf Spotify zusammengefasst.
Die Playlist heißt „Musik, die mich tröstet“.

 

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